unmöglich möglichWieder so ein Artikel: Geisteswissenschaftlerin. Masterabschluss mit 1er-Durchschnitt. Berufserfahrungen. Auszeichnungen. Hartz 4. Und wieder fragt man sich: Ist das ein Einzelfall? Was ist da schief gelaufen? Kann mir das auch passieren?

Wie ich zu Artikeln stehe, die sehr schwarzmalerisch Werdegänge einzelner Geisteswissenschaftler darstellen, konntet ihr schon vor ein paar Wochen in meinem Beitrag „400 Bewerbungen und kein Job?“ lesen. Warum ich den SZ-Artikel „Master mit 1,6 – Leben mit Hartz IV“ hier aufgreife, hat dieses Mal einen anderen Grund. Die Autorin schreibt:

„Ein Pflichtpraktikum war in meinem Studiengang aber nicht vorgesehen. Und weil ich nebenher ohnehin immer arbeiten musste, um meinen Lebensunterhalt zu sichern, konnte ich meine Arbeitskraft auch nicht länger als 14 Tage kostenlos zur Verfügung zu stellen. Branchenbezogene Berufserfahrung während des Studiums ist oft ein Privileg für Studenten, die finanziell von ihren Eltern unterstützt werden, die nicht arbeiten oder auf die Regelstudienzeit achten müssen. Deren Überschreitung bedeutet, kein Bafög mehr zu bekommen. […] Ich bin kein Akademikerkind und so fehlt mir das Wichtigste, um erfolgreich zu sein: gute Beziehungen. […] Um im Berufsleben erfolgreich zu sein, spielen informelle Kriterien eine große Rolle: Wer sich souverän in akademischen Kreisen bewegt, kommt besser an als Menschen, die dort neu sind. Was mir und anderen in ähnlichen Situationen fehlt, ist nicht der Wille – es sind Netzwerke, Wissen über soziale Codes und positive Erfahrungen. Ich habe keine Ahnung, wie andere berufliche Kontakte knüpfen und wie ich mich auf Veranstaltungen verhalten soll, auf denen Leute mit Sektglas in der Hand herumstehen. Wer aus einer nicht akademischen Familie den Weg an die Uni fand, kennt das Gefühl, nicht dazuzugehören.“

Auch ich bin ein Arbeiterkind. Ich bin die Erste in meiner Familie, die ein Studium begonnen hat. Für eine angemessene Bafög-Förderung verdienen meine Eltern zu viel. Um mir meine Wohnung, das Studium und den Lebensunterhalt hier in Karlsruhe zu finanzieren verdienen sie wiederum zu wenig. Zu Beginn meines Studiums habe ich also 20 Wochenstunden nebenher gearbeitet, um über die Runden zu kommen. Später habe ich mich durchgerungen einen Studienkredit aufzunehmen um meine Arbeitszeit reduzieren zu können. Denn wer 20 Wochenstunden arbeitet, was einem Teilzeitjob entspricht, der kann auch nur noch Teilzeit studieren, was sich dann auf die Dauer des Studiums auswirkt. Und da fängt das Dilemma schon an: Wer in der privilegierten Situation ist von zu Hause finanziell unterstützt zu werden, dem bieten sich ganz andere Rahmenbedingungen für ein Studium. Es bleibt mehr Zeit für das Studium selbst und Jobs beziehungsweise Praktika können tatsächlich danach ausgesucht werden, ob sie einem beruflich weiterhelfen.

Auch mir war und ist es nicht möglich für mehrere Wochen ein Vollzeitpraktikum anzunehmen. Zwar würde der Verdienst durch den Mindestlohn jetzt reichen um meine Ausgaben zu decken, aber dafür müsste ich meine aktuellen Tätigkeiten kündigen oder zumindest pausieren. Und ob meine Arbeitgeber da mitspielen, ist zweifelhaft. Schließlich hinterlasse ich eine Lücke, die dann vermutlich jemand anderes ausfüllt. Also stehe ich nach dem Praktikum da und habe erst einmal gar keinen Job mehr. Für jemanden, der sich selbst finanziert, ist das keine Option.

Um trotzdem praktische Erfahrungen zu sammeln, habe ich also nach Jobs gesucht, die mich zeitlich nicht so in Beschlag nehmen wie ein Praktikum. Zudem war mein Anspruch, dass ich damit genug Geld verdiene, um den Studienkredit möglichst klein zu halten UND das ich dabei etwas lerne, wovon ich später profitiere. Zeitliche Flexibilität – Geld – Lernzuwachs. Das sind meine Kriterien an einen Job. Also habe ich als Werkstudentin gearbeitet, hatte mehrere Jobs als studentische Hilfskraft an der Uni und arbeite teils auf Rechnung, indem ich ein Nebengewerbe sowie eine freiberufliche Tätigkeit angemeldet habe. Auch dieser Blog hier bietet mir die Möglichkeit Praxiserfahrungen zu sammeln und vor allem mir „einen Namen zu machen“, womit wir auch schon beim Thema Netzwerken sind.

Die Autorin schreibt nicht zu unrecht, dass es für ein Nicht-Akademikerkind schwieriger ist, sich in einer ungewohnten Welt zu behaupten und Kontakte zu knüpfen, als wenn man in so ein Netzwerk hineingeboren wird bzw. Netzwerken von den Eltern vorgelebt wird. Ich würde nicht behaupten, dass meine Eltern kein Netzwerk haben. Aber es funktioniert anders als Netzwerke an der Uni oder in akademischen Kreisen. Mittlerweile verfüge ich über ein recht gutes und breites Netzwerk an Kontakten, was ich mir allerdings auch gezielt erarbeitet habe. Zum einen entwickeln sich ganz automatisch dann Kontakte, wenn man viel arbeitet und verschiedene Jobs annimmt. Allerdings muss man diese dann auch pflegen, zum Beispiel über Soziale Netzwerke wie XING. Zum anderen habe ich mich an strategisch günstigen Stellen engagiert. Dazu zählt meine Tätigkeit für die Fachschaft GeistSoz des KIT. Dort bin ich für die Webseite zuständig und stelle Neuigkeiten online, die über den Verteiler reinkommen. Ich bin also die Kontaktperson für jeden, der etwas bei uns veröffentlichen möchte, was nicht selten auch Firmen sind. Auch dieser Blog hier ist eine ideale Möglichkeit neue Menschen kennen zu lernen und für die Öffentlichkeit (oder besser gesagt eine bestimmte Zielgruppe) sichtbar zu werden.

Aber was will ich euch mit den ganzen Geschichten aus meinem Privat- und Berufsleben eigentlich sagen? Ich möchte euch zeigen, dass der familiäre bzw. finanzielle Background durchaus Einfluss darauf haben kann, welche Möglichkeiten euch im und nach dem Studium offen stehen. Aber vor allem möchte ich euch zeigen, dass es auch dann Mittel und Wege gibt, wenn man für alles allein gerade stehen muss. Ob sich mein bisheriges Engagement und mein bisheriger Weg am Ende auszahlen, wird sich noch zeigen. Aktuell stecke auch ich noch im Studium und habe den Eintritt ins Berufsleben noch vor mir. Aber was ich auf jeden Fall jetzt schon merke, ist, dass ich gefragt bin. Es spricht sich herum, was ich kann und ich bekomme Jobs angeboten, die ich teils aus Zeitgründen ablehnen muss. Und das meine ich nicht im Sinne von „Schaut mich an, wie toll ich bin!“ sondern im Sinne von „Wenn ich das geschafft habe, dann kannst du das auch!“.